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Entdeckung eines Fluxus-Künstlers der ersten Stunde Drucken E-Mail
Mittwoch, den 22. Februar 2012 um 13:39 Uhr
Fluxus-Kuenstler Benjamin Patterson aus Pittsburgh sitzt am Freitag (10.02.12) in der von ihm eingerichteten "Bens Bar" im obersten Stockwerk des Nassauischen Kunstvereins. Der Fluxus-Kuenstler feiert Ende Mai seinen 78. Geburtstag. Ein paar Tage spaeter wird die erste Retrospektive mit Werken des Kuenstlers gezeigt (3. Juni bis 23. September). Die Fluxus-Bewegung wollte Kunst zeigen, wie es sie noch nie gab, die man nicht aufstellen oder aufhaengen konnte. (Foto: Thomas Lohnes/dapd)Wiesbaden. Über seine zunehmende Popularität schüttelt Benjamin Patterson den Kopf. Der Fluxus-Künstler der ersten Stunde feiert Ende Mai seinen 78. Geburtstag. Ein paar Tage später wird der Nassauische Kunstverein die allererste Retrospektive mit Werken des Künstlers zeigen (3. Juni bis 23. September). Fluxus ist eine in den 1960er Jahren aufgekommene Avantgarde-Bewegung, die das Kunstwerk im herkömmlichen Sinn als "bürgerlichen Fetisch" negiert und stattdessen die schöpferische Idee propagiert.

Patterson bekam außerdem soeben den mit 5.000 Euro dotierten Wiesbadener Kulturpreis 2012 zugesprochen. "Und das, obwohl ich 40 Jahre lang kaum beachtet wurde", sagt er, lacht und schüttelt den Kopf. Der grauhaarige Mann mit dem gutmütigen Gesicht kann damit leben. Er sagt: "Plötzlich sagt dir die Welt: Wir wollen es!"

Benjamin Patterson aus Pittsburgh, wo auch Andy Warhol geboren wurde, hält sich in der von ihm eingerichteten Bar im obersten Stockwerk des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden auf. Er sitzt vor einem Spiegel, der an den einer Tänzerin in einer Amüsierbar erinnert. Ihm gegenüber steht ein weißes Piano, auf dem Patterson später ein paar Töne klimpert, in der Ecke plätschert ein Zimmerspringbrunnen, von der Decke hängt ein ausgestopfter Schwertfisch, an einer Wand steht leuchtend rot: "Ben's Bar".

Die Bar ist bunt und steckt voller Assoziationen wie viele von Pattersons Kunstwerken. Er sagt, viele seiner Fluxus-Kollegen seien eben gerne in Bars gegangen, "um gehört und gesehen zu werden, um dort zu sein", wie Patterson auf dem Spiegel seiner Bar schrieb.
"Heutzutage kann man das als Motto für Facebook verstehen", sagt er.
Es gehe einfach um Interaktion und Begegnungen, darum sei es Fluxus immer gegangen.

Weltumspannende Kunstbewegung


In seiner Kunstbar sitzend und den Kopf schüttelnd über die vielen E-Mails, die auch er täglich bekommt und von denen er nur wenige für wichtig hält, wundert sich Patterson, "wie wir es damals mit der normalen Briefpost schafften, das erste Fluxus-Festival mit Künstlern von drei Kontinenten zu organisieren". Jenes Festival ging im September 1962 im Museum Wiesbaden über die Bühne, vor ziemlich genau 50 Jahren also. Die Stadt nimmt das Jubiläum zum Anlass, die in Wiesbaden geborene und sogleich weltumspannende Kunstbewegung ein ganzes Jahr lang mit insgesamt rund 40 Veranstaltungen zu feiern.

Benjamin Patterson ist dabei eine Art Klammer: Er war schon beim ersten Festival 1962 dabei. Alte Aufnahmen des HR-Fernsehens zeigen ihn, wie er seinen Kontrabass zerlegt, so wie später Philipp Corner in seinen berühmt gewordenen "Piano Activities" mithilfe einiger Kollegen einen Konzertflügel zerlegte. Das Publikum, das sich in Anzügen und Abendkleidern auf ein gewöhnliches Konzert eingestellt hatte, und die Berichterstatter nahmen die Aktionen skeptisch bis ablehnend und nur selten amüsiert auf.

Lieber in Europa


Die Fluxus-Bewegung wollte Kunst zeigen, wie es sie noch nie gab, die man nicht aufstellen oder aufhängen konnte. Patterson kam damals über den in Darmstadt lebenden Künstler Emmet Williams in Kontakt mit George Maciunas, der für gewöhnlich als Fluxus-Gründer gilt. Was Fluxus war, sollte letztlich nicht definierbar sein, Patterson formuliert aber einige Kriterien: "Eine Aufführung, eine Installation mit mehreren Medien, eine fließende Bewegung, die Kontinuität von Kreativität und Experimenten, die nicht imitiert werden können."

Er habe sich gleich wohlgefühlt bei jenem ersten Fluxus-Festival, erzählt Patterson. In den USA der frühen 1960er Jahre seien ihm als Afro-Amerikaner nach seinem Kompositions- und Kontrabass-Studium die Türen zu größeren Orchestern versperrt geblieben, so kam er nach Europa. Seit gut 20 Jahren lebt er wieder hier, "weil Fluxus in Europa an mehreren Orten passiert, in den USA gibt es eine Kunstszene nur in New York", sagt er. Dort arbeitete Patterson jahrzehntelang in der New York Public Library. Nach all dieser Zeit in der Großstadt schätzt er gerade das Leben im beschaulichen, ruhigen, schönen Wiesbaden, wie er sagt.

Zumal er viel unterwegs ist, trotz seiner bald 80 Jahre. Allein die Vorbereitung seiner Retrospektive in Zusammenarbeit mit dem Nassauischen Kunstverein und dem Contemporary Art Museum Houston habe fast fünf Jahre gedauert. Aktuell arbeitet er an einem vorgelagerten temporären Foyer für das Museum Wiesbaden, es soll im Jubiläumsjahr Fluxus-50 ein Treffpunkt werden. Und natürlich auch Kunst. (dapd-hes/Stephan Loichinger)
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